KI & Wein

Von der Traube bis zum Glas. Einfach erklärt.

Olymp & Chatbot

Master …
Jungsommelier – Österreich Sommelier – Diplom-Sommelier – und schließlich dann der Olymp, der Court of Master Sommelier, wo es noch vier weitere Ausbildungsstufen gibt.

Ja, dieser Weg ist mitunter lang, weit, steinig, teuer, umfassend reglementiert. Nur nach zeit- und arbeitsintensiven sowie kostspieligen Ausbildungen erreicht man das sogenannte „Master Sommelier Diplom“. Mit dem so erworbenen, wirklich umfangreichen theoretischen und praktischen Wissen zählt man dann aber auch zu einem erlauchten Kreis – derzeit gibt es weltweit nur knapp 300 Personen, die sich „Master Sommelier“ nennen dürfen. 

… und KI Master
Ahnen Sie schon, was jetzt kommt? Ja, was soll ich sagen – denn natürlich kann auch hier mittlerweile ein Teil der Arbeit von einer Künstlichen Intelligenz erledigt werden.

Im Jahr 2023 hat ChatGPT-4, der mittlerweile weithin bekannte Chatbot des US Unternehmens OpenAI, die ersten drei Stufen der erwähnten berüchtigten theoretischen Prüfung zum Master Sommelier bestanden.

Um ganz genau zu sein: „Dabei erzielte die Künstliche Intelligenz 92 Prozent der möglichen Punkte bei der Einführungsprüfung zum Court of Master Sommelier. 86 Prozent bei der Prüfung zum Certified Sommelier und 77 Prozent bei der Prüfung zum Advanced Sommelier.“

Diese KI-Anwendung wurde darauf trainiert, immense Mengen an Daten in kürzester Zeit abzurufen, die Informationen zu reproduzieren sowie entsprechende Fragen zu beantworten. Für die erwähnte Prüfung wurde das KI-Sprachmodell ChatGPT mit einer Unmenge an Informationen, Zahlen & Daten aus den Kursen zum Master Sommelier trainiert, es stellt nun also eine riesige einschlägige Wissensdatenbank dar.

Dieser Hintergrund definiert auch die aktuell möglichen Anwendungen von KI im Sommelier-Bereich. Wenn man eine humanoide Erscheinungsform beibehalten will, so wird ein KI-Sommelier das Service am Gast vermutlich in Roboterform wahrnehmen. Die vinophilen Beratungen können dann quasi in gewohnter Form in der Gastronomie bei Tisch stattfinden. Der/die Roboter-KI-Sommelier könnte aber auch in einem Hotelbetrieb zum Zimmer jener Person geschickt werden, die diesen Service angefordert hat. Und dort die Beratung – und auch gleich die Wein-Bestellung – vornehmen.

Eine einfacher umzusetzende Variante wäre eine Art Touchscreen, ein Tablet-PC auf den Tischen im Restaurant, im Speisesaal, an der Bar, im Hotelzimmer. Die Beratung bzw. die Kommunikation über Weinempfehlungen könnte dann beispielsweise per Prompting, also schriftlich mittels Frage-Antwort-Nachfragen etc. erfolgen. Oder aber als Gespräch, ganz so wie derzeit die Kommunikation mit Alexa oder Siri erfolgt, also über sprachgesteuerte, virtuelle Assistenten.

Was kann ein/e KI-Sommelier?
Die möglichen Vor- bzw. Nachteile liegen ja immer im Auge des jeweiligen Betrachters, der jeweiligen Betrachterin – alles eine Frage des Standpunkts.

Organisatorisch bzw. ökonomisch betrachtet, scheint alles klar: Ein KI-Sommelier kann in der Gastronomie zu deutlichen Kostenersparnissen führen. Denn „er/sie/es“ braucht keinen Urlaub, muss sich an keine geregelten Arbeitszeiten halten, kennt keine Feiertags- oder Sonntagsruhe, steht rund um die Uhr zur Verfügung, geht nicht in Krankenstand (höchstens zur Wartung 🙂 ) und kann auch nicht innerlich kündigen. Und die Weiterbildung besteht nicht in teuren Kursen während der Arbeitszeit, sondern in einem simplen Software-Update. So weit, so eindeutig.

Ein weiterer möglicher Vorteil liegt ganz woanders und wird oftmals übersehen: die soziale bzw. psychologische Ebene. Dieser Aspekt im Zusammenhang mit Anwendungen von KI oder Robotern wird leider noch deutlich seltener thematisiert – ist meiner Meinung nach jedoch unbedingt notwendig, um ein möglichst umfassendes Bild von den Möglichkeiten und Grenzen von KI-Werkzeugen zu erhalten.

Denn man muss es ja so formulieren: um das Auswählen, Kosten bzw. Beschreiben von Weinen wird oft ein ziemliches Brimborium gemacht. Die Fachsprache dazu kann schnell als distanzierend und/oder hierarchisch empfunden werden. Ein genaueres Nachfragen des Sommeliers, der Sommelière, ein Vorschlag verschiedener Jahrgänge, die Frage nach bevorzugter Variante im Ausbau des Weins – all das kann einem Gast, einer Gästin, den Schweiß auf die Stirn treiben. Und schon sind die Hürden für einen Austausch mit dem Sommelier, der Sommelière aufgebaut. Oder man äußert einfach selbstbewusst und ohne jegliche Vorbehalte den Wunsch: „Ich möchte gerne einen Rotwein, der nicht so eine pelzige Zunge macht.“

Wenn man diesbezüglich aber Vorbehalte hat, sich unsicher fühlt oder auch schon schlechte Erfahrungen gemacht hat, dann kann eine Konversation, besser gesagt: ein Informationsaustausch mit einer Maschine, mit etwas Technischem, von dem man nicht beurteilt wird und das keine Nase zum Rümpfen hat, eine Erleichterung sein. Man kann sich hier keine Blöße geben, man kann auch vermeintlich dumme Fragen stellen und das auch gerne mehrmals hintereinander.

Weitergedacht: eine derartige Herangehensweise könnte also sogar eine Möglichkeit zur Erweiterung der Zielgruppe sein. Erstens jene, die, wie erwähnt, prinzipielle Bedenken bezüglich einer persönlichen Kommunikation haben. Und darüberhinaus könnte das KI-Werkzeug auch eine Einstiegshilfe ins Thema sein – man macht sich mal mittels der KI fit, um dann später, also in der „analogen“ Welt, unbefangener kommunizieren zu können.

Und was kann ein/e KI-Sommelier nicht?
Was also bedeutet es darüber hinaus, wenn ein Chatbot eine umfangreiche, teure, prestige-trächtige Prüfung besteht? Zur Erinnerung: ChatGPT-4 hat die ersten drei Stufen der theoretischen Prüfung zum Master Sommelier bestanden. Den theoretischen Teil, wohlgemerkt.

Denn die praktischen Prüfungen am Weg zum Master Sommelier sind ein ganz anderer Aspekt. Hier stoßen die Systeme der Künstlichen Intelligenz (derzeit) beispielsweise an folgende Grenzen: Farben sehen & beurteilen, Gerüche wahrnehmen, damit eventuell Erinnerungen oder Gefühle verbinden, Geschmack mit allen Sinnen empfinden, erkennen ob ein Wein korkt, Assoziationen herstellen, kreative Beschreibungen oder Vergleiche ersinnen wie „Das erinnert mich an die Nachmittage bei meiner Großmutter“ oder auch: „Wie beim Grillen letzten Sommer, als es so plötzlich zu regnen begonnen hat“ und über all das auch noch miteinander ins Gespräch kommen.

Assoziationen, Intuition, Erinnerungen, sensorische Empfindungen, Empathie, persönlicher Austausch – all das kann ein/e KI-Sommelier nicht leisten. Derzeit jedenfalls.

KI & Wein. Einfach erklärt.

PS: Zum weiten Themenbereich KI & Sommelier gibt es natürlich noch zahlreiche weitere Beispiele, wie virtuelle Sommeliers in Webshops, in Kombination mit digitalen Speisekarten, virtuelle „private“ Sommeliers etc. – davon hier ein ander Mal mehr.
PPS: Wie ChatGPT in Frankreich zur Produktion einer Rotwein Cuvée eingesetzt wurde, kann man hier nachlesen: The End? 


Infos & Quellen
*Christian Smith: ChatGPT just passed three of the Master Sommelier theory exams. The Drinks Business, 15.3.2023.
*Open AI: GPT-4.
*Julia Larson: Is AI Changing Restaurant Wine Service? Wine Spectator, 7.11.2025.

Bilder:
*Tielbild: Cathy Patton, Pixabay.
*Sommelier sw/w: Matteo Orlandi, Pixabay.
*Roboterarm mit Weinglas (bearbeitet): Pavel Danilyuk, Pexels. 
*Roboter & Frau: Pavel Danilyuk, Pexels.
*Gläser: Jill Burrow, Pexels.
*Gläser: Monica Volpin, Pixabay.

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