KI & Wein

Von der Traube bis zum Glas. Einfach erklärt.

The End?

Viele Jahre oder wenige Sekunden?
Was braucht es, um eine wirklich gute, ausbalancierte bzw. überraschende Cuvée zu kreieren? Sorgfältige Arbeit im Weingarten? Den richtigen Lesezeitpunkt? Ausdrucksstarke Grundweine? Eine hohe gustatorische Begabung und im besten Fall auch noch langjährige Erfahrung? Ja, so lautet die gängige Denkweise. Bisher. Aber vielleicht geht es ja auch ganz anders?

Im idyllischen Languedoc …
Ein Weinbetrieb im Süden Frankreichs, im Languedoc-Roussilon, genauer gesagt im Ort Carcassonne, hat sich im Frühjahr 2023 einem Experiment mit einem Werkzeug der Künstlichen Intelligenz gewidmet. Die beiden Weinmacher Anthony Aubert & Jean-Charles Mathieu, Freunde schon seit Schulzeiten, arbeiteten mit ChatGPT. Aber nicht, um bloß ein paar Ideen für einen Pressetext oder einen Namen für eine neue Weinlinie zu finden. Nein.

Vignoble VDP de Carcassonne et Montagne Noire

ChatGPT bekam von Aubert & Mathieu folgenden präzisen Auftrag:

  • Kreiere eine außergewöhnliche, fruchtbetonte Bio- Cuvée aus den zur Verfügung stehenden Sorten Grenache und Syrah.
  • Beschreibe genau die dazu notwendigen Schritte in der Weinbereitung.
  • Entwickle für diese Cuvée einen knackigen Namen.
  • Designe ein Flaschenetikett inklusive Text für die Beschriftung.
  • Schlage ein passendes Flaschenformat vor.
  • Schreibe einen Pressetext und entwickle eine Marketing- und Kommunikationsstrategie, die für Aufsehen sorgt und diese Zusammenarbeit zwischen ChatGPT und Aubert & Mathieu bewirbt.
  • Schlage schließlich einen Verkaufspreis vor.

… the End
Entstanden ist daraufhin auf Empfehlung von ChatGPT eine Cuvée aus 60% Grenache und 40% Syrah. ChatGPT erläuterte dazu, dass diese Assemblage „…im Allgemeinen einen fruchtigen und ausgewogenen Wein ergibt. Man kann die Proportionen aber auch umkehren, um einen tanninreicheren Wein zu erhalten.“

Der KI-Chatbot definierte dann die dazugehörenden notwendigen Schritte der Weinbereitung und schlug schließlich vor, diese Cuvée dann in Burgunderflaschen abzufüllen, da diese „hervorragend zur Präsentation Ihres Weins“ geeignet sei.

Am gelungensten finde ich persönlich den Namen, den ChatGPT letztlich (nach ersten, eher banalen Vorschlägen wie „Le Syrah de Mathieu“ oder „L´Esprit de l´Aude“) kreiert hat und unter dem der Wein auch in den Handel kam: „The End“. Herrlich, oder? Ist ChatGPT hier vielleicht gar ironisch?

Bildnachweis: Aubert & Mathieu

Beim Text für das Rückenetikett unterliefen ChatGPT den Berichten zufolge etliche, teils gravierende Fehler. Hier mussten die beiden Weinmacher stark korrigierend eingreifen. Aus meiner Sicht kein Grund für schadenfrohe Kommentare – denn derartige Fehler weisen eigentlich lediglich auf (noch) mangelndes Wein-spezifisches Training der zugrunde liegenden Algorithmen hin.

Beim Verkaufspreis für die auf 600 Flaschen limitierte Cuvée zeigte sich ChatGPT frei von hemmenden Überlegungen, strategischen Planungen oder Zweifeln: es wurde ein Flaschenpreis von mindestens 50 Euro, gerne auch bis 100 Euro vorgeschlagen. Aubert & Mathieu positionierten den Wein jedoch als IGP Pays d’Oc im Bereich von 20 Euro.

Bio & ChatGPT
Der Antrieb der beiden Weinunternehmer ist es nach eigenen Angaben, neue Impulse zu setzen, bisherige Grenzen auszuloten. Und das Wein-Business insbesondere im Zusammenhang mit Handelsweinen künftig fernab von 08/15 Produkten zeitgenössisch zu definieren. Mit dem ChatGPT-Projekt wollten sie auch ganz klar Aufsehen am Markt erregen, einen mächtigen „Buzz“ erzeugen.

Der Betrieb von Aubert & Mathieu bewirtschaftet selbst keine Weingärten. Man setzt auf Kooperationen mit lokalen Winzern (und Winzerinnen?), die die gewünschten Trauben und teilweise auch die Weine selbst nach präzisen Vorgaben produzieren. Dabei bestehen genau definierte Vorgaben in Bezug auf Nachhaltigkeit & Regionalität. Der Betrieb ist auch EU Bio-zertifiziert und strebt CO2-Neutralität an – was unter Anderem im Verzicht auf das übliche „Flaschenlametta“ resultierte.

Bio, Nachhaltigkeit und gleichzeitig die Verwendung von Künstlicher Intelligenz – alles in allem eine Kombination, die, jedenfalls in Österreich, derzeit noch etwas ungewohnt klingt.

Und nun?
Abgesehen von Staunen, Überraschung, zynischen Kommentaren zu den Fehlern, die ChatGPT noch macht – was zeigt dieses konkrete Beispiel für die Weinbranche? Werden Kellermeister:innen bald überflüssig? Sind Kommunikationsagenturen ein Auslaufmodell?

Es wirft jedenfalls ein Licht auf jene Arbeitsbereiche, die beispielhaft vom Einsatz von KI-Werkzeugen potentiell betroffen sein können: Kreativagenturen, Marketingexpert:innen, Personal für Öffentlichkeitsarbeit. Das haben auch Aubert & Mathieu festgestellt: „Es stimmt, dass dies Fragen aufwirft und beunruhigend ist. Unsere Vertriebs- und Vertriebsleitungsmitarbeiter haben sofort erkannt, dass KI ganze Bereiche ihrer Arbeit übernehmen könnte, aber glücklicherweise stieß ChatGPT auch auf einige Grenzen.“ Noch, muss man immer dazusagen.

Dieses Beispiel illustriert aber auch, wie Werkzeuge der Künstlichen Intelligenz die menschliche Handwerkskunst ergänzen können – sei es beim Design, bei der Namensfindung, Ideen zur Vermarktung etc.

„Ergänzen“ ist hier aus meiner Sicht ein zentraler Begriff. Denn diese KI-Werkzeuge schaffen nichts Neues wie menschliche Kreativität es kann. Sie entwickeln „nur“, manchmal ungewöhnliche, Kombinationen aus immensen Mengen an menschlich generierten Daten, Bildern, Informationen, mit denen sie trainiert wurden.

Generative KI-Modelle wie ChatGPT können also Vorschläge machen bzw. Ideen entwickeln, die man selbst vielleicht, wahrscheinlich nie in Betracht gezogen hätte. ChatGPT ist frei von menschlichen Überlegungen und Regungen wie Selbstzweifel, Hemmungen diverser Art, Zögerlichkeit, Scham. Und diese Modelle haben auch keine inneren Kritiker, die ungewöhnliche Ideen, Entwürfe oder Kombinationen zunichte machen, bevor diese ans Licht kommen können. Sie können also eine kreative Bereicherung sein, erste Entwürfe liefern, einfache Arbeiten schneller und billiger erledigen.

Das Ende ist offen
„Der Name des Weins sowie die Leere des Etiketts symbolisieren auch das Ende der Möglichkeiten, die der Einsatz von KI eröffnet hat“, erklären Aubert & Mathieu in einem Interview im Jahr 2024. „Der Verkauf dieses Weins im Internet ist daher ein Test, der darüber entscheiden wird, ob diese Produktion fortgesetzt wird oder nicht.“

Aktuell (Jänner 2026) findet sich auf der Website des Weinguts keine Information mehr zu dieser Cuvée. In Ergänzung zu diesem Posting werde ich das Unternehmen kontaktieren – vielleicht gibt es ja noch weitere, konkrete Infos zu deren Erfahrungen und Lessons-Learned aus diesem Projekt mit ChatGPT.

KI & Wein. Einfach erklärt.

PS: Nein, ich kenne deren Weine nicht. Und nein, dieses Posting ist auch nicht gesponsert, sondern dient – wie jegliche Information in diesem Blog – dem nicht-kommerziellen zur-Verfügung-stellen von Informationen aller Art zum Thema KI in der Weinbranche.


Infos & Quellen

*Weingut Aubert & Mathieu: WebsiteInstagram.
*Weingut Aubert & Mathieu:  Ein Teil der Konversation (das Prompting) mit ChatGPT kann hier nachgelesen werden: YouTube (4m 27s).
*Ewa Crétois: L’intelligence artificielle dans les vins et spiritueux: révolution ou gadget? In: Com & Cru, März 2025.
*Olivier Bazalge: Cépage against the machine. In: Vitisphere, April 2023.
*Die Cuvée „The End“ ist auf vivino gelistet. (Jän 2026)

Bilder:
*Titelbild: Alice Schmatzberger mittels Canva.
*Panorama Vignoble VDP de Carcassonne et Montagne Noire: ryanovineyards, Wikipedia französisch. Lizenz CC BY-SA 2.0.
*Flasche “The End”: Bildnachweis Aubert & Mathieu, in: Falstaff, 23. April 2023.
*Roboter mit Weinflasche: Alice Schmatzberger mittels Canva.
*Andere: Alice Schmatzberger.

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